Die 5 Einsteigerfehler des Monitorings

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1) Overrecovery (zuviel Regeneration) 

Monitoring ist nicht dazu da, jegliche Form der Erschöpfung im Keim zu ersticken und den Athleten immer auf einem guten Freshness- bzw. Regenerationslevel zu halten. Für jeden sportlichen Fortschritt ist es erforderlich, seine komfortable Zone zu verlassen und sich gezielt zu überlasten ohne sich zu überbelasten. Monitoring kann dabei helfen, diesen feinen Grat zwischen Overrecovery (zu geringe Trainingsintensität) und Overtraining (zu hohe Trainingsbelastung) zu wandern. Denn wenn man zu intensiv trainiert, riskiert man Verletzungen und
möglicherweise eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit am Spieltag. Trainiert man zu wenig, riskiert man eine ausbleibende Adaptation. Monitoring hilft daher bei der Steuerung der gezielten Überlastung, um zum richtigen Zeitpunkt wieder Topform zu gewährleisten. Progress

Viele Kollegen, die mit Monitoring beginnen, verrennen sich am Anfang komplett in dem Versuch, die Erschöpfung zu minimieren. Das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist es, Erschöpfung zu timen! Es geht nicht um Regenerationsmaximierung, sondern um Regenerationsmanagement.

2) Das Neujahrsproblem (zuviel auf einmal) 

Wenn man Freshness Monitoring richtig einsetzt, dann kann man damit die Leistung sehr stark optimieren. Das Potential, das diese Strategie bietet, kann schnell dazu verleiten, direkt voll einzusteigen und ab sofort täglich 4-5 Parameter zu messen. Davon raten wir auf jeden Fall ab. Starte einfach! Starte mit dem Körpergewicht! Du misst nicht einmal pro Woche das Körpergewicht der Athleten? Fange am Montag an. Alleine aus dieser Informationen kann man eine Tonne von Schlüssen ziehen. Im Rahmen der ersten Nationalmannschaftsmaßnahmen mit der DEB Auswahl war das tägliche Körpergewicht fast die wichtigste Information, die wir gesammelt haben.

Man kann sofort den Dialog starten, wenn das Gewicht sich ungewöhnlich nach oben oder unten bewegt. Oft merken Spieler dann erst, dass sie viel zu wenig getrunken haben. Und wenn der Gewichtsverlust, weil sie zu wenig getrunken haben, auch noch mit einer reduzierten Sprungkraftleistung einhergeht, wie es in Minsk oft der Fall war, dann ist der Zusammenhang zwischen Flüssigkeitshaushalt, Körpergewicht und Leistungsfähigkeit sofort für alle Beteiligten ersichtlich.

Genauso wie zuviele Neujahrsvorsätze auf einmal, so kann auch ein Monitoringprojekt daran scheitern, dass man zuviel auf einmal starten möchte. Bei der Datensammlung ist es wichtig, sich auf einige wenige Schlüsselinformationen zu einigen, die man dann für mindestens 6-12 Monate sammelt, bevor man  den Vorgang ausbaut. Wenn man einen Monat etwas misst, und dann nach einigen Wochen wieder doch nicht, dann noch einen anderen Parameter, den man aber auch nur für 2 Monate nimmt, dann verlieren auch die Spieler irgendwann das Vertrauen in das System und es bricht zusammen.

Herauszufinden, welche Informationen für dein Setting realistisch sind, bringt uns zum nächsten Punkt.

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3) Beschreibende vs. Verschreibende Daten 

Wir sammeln diese Informationen ja nur aus einem einzigen Grund: Um bessere Entscheidungen treffen zu können. Wir sammeln ja nicht die Informationen weil sie interessant sind, sondern weil sie relevant sind! Wir sind keine reinen Wissenschaftler, sondern Coaches und wollen unseren Athleten helfen besser zu regenerieren und zu performen. Deshalb müssen Daten und Informationen einen präskriptiven Charakter haben, das heißt sie sollten eine Konsequenz haben.

Wie beeinflussen die täglichen Messungen die Empfehlungen, die Du für deine Spieler aussprichst? Wie verändern sie das, was du ihnen über Ernährung empfiehlst? Wie ändern sie die Intensität deines Trainings? Wenn du eine feste Idee davon hast, wie intensiv das Training zu jeder Phase der Saison sein sollte und du dich nicht davon abbringen lassen würdest, dann brauchst du auch keine Monitoringdaten erfassen. Wenn du allerdings glaubst, dass du dein Training besser gestalten könntest, wenn du immer wissen würdest, wieviel Benzin noch im Tank deiner Spieler ist, dann ist Monitoring genau das Richtige für dich. Je mehr Möglichkeiten du und dein Trainerteam haben, desto mehr Daten kannst du sammeln. Wenn es nur um generelle Intensität geht, dann miss nur Sprungkraft und fertig. Wenn du die Möglichkeit von individualisierter therapeutischer, mentaler und medizinischer Betreuung und individualisierte Ernährungs- und Trainingsgestaltung hast, dann bau dein Monitoringprotokoll aus.

4) Die Augen von der Strasse genommen 

Zu wissen wieviel Benzin im Tank ist, ist eine wichtige Information, auch beim Autofahren. Genauso ist es wichtig zu wissen wie schnell man fährt und wieviele Umdrehungen wir aktuell brauchen um diese Geschwindigkeit zu erreichen.

Aber wenn wir beim Autofahren dabei vergessen auf die Strasse zu gucken, dann sind wir ein Kandidat für die Darwin Awards. Ein guter Coach holt sich soviele Informationen wie möglich. Er nutzt alle Datensätze aus, die er in die Finger bekommen kann. Videoanalyse, Spielstatistiken, medizinische Informationen und natürlich auch Freshness Monitoring Daten. Man wäre ja auch beim Autofahren bescheuert, wenn man Tankanzeige und Tachometer ignorieren würde. Es beeinflusst unsere Entscheidungen zu einem wichtigen Anteil, wenn auch nur unterbewusst! Aber am Ende trifft er eine smarte Entscheidung, die im Kontext seiner Erfahrung und der Komplexität der Situation Sinn macht. Diese Entscheidung wird besser, je mehr sie von objektiven Daten gestützt wird, ohne von ihnen dominiert zu werden. Also Augen auf die Strasse!

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5) Kein Vertrauen 

Ein großer Kritikpunkt bei einer systematisierten, subjektiven Spielerbefragung ist oft, dass Spieler dabei nicht ehrlich seien. Wenn sie allerdings bei einer anonymisierten Spielerbefragung schon nicht ehrlich sind, dann gibt es ein sehr großes Vertrauensproblem zwischen Spielern und Trainer.

Wenn sie bei einer anonymen Umfrage unehrlich sind, wie ehrlich sind sie dann im Gespräch? Unsere Erfahrung ist, dass sie bei einer anonymen Umfrage sogar ehrlicher sind und sich mal trauen sich dazu zu äußern, wie das Training auf ihre Körper wirkt. Spieler wollen besser werden. Und Spieler wissen, dass man hart trainieren muss, um besser zu werden.

Ja, die Installation des Monitoringsystems kann dazu führen, dass man merkt, dass das Training vielleicht an manchen Stellen/ Tagen zu intensiv für die Spieler ist. Jetzt kann man smart sein und die Realität von Anpassung und Regeneration respektieren, oder man sagt sich: „alles Mist, die Spieler sind nur zu soft” und macht weiter wie früher. Nur wenn ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Spieler und Trainer besteht und beide Vertrauen darin haben, dass smarte Regeneration ein genauso essentieller Bestandteil von Leistungssteigerung ist wie hartes Training, dann kann ein solches System funktionieren.

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